Orte und Ideen, die mir zufielen:










Jürg hat einen Wettbewerb von ARTS+ gewonnen, daher können wir im April für eine Woche ins Tessin in die „Casa dell Arte Rasa“ gehen, um an unseren Kunstprojekten arbeiten zu können. Es ist eine gute Gelegenheit, einen Raum, eine ganze Gegend für den kreativen Rückzug zu benutzen und auf uns wirken zu lassen. Von der Ottern sind wir das ja gewohnt und auch die Kinder sind motiviert, die Woche mit minimalen äusseren Einflüssen zurechtzukommen und kreativ zu arbeiten.

Blog 3. Teil
24. Jan. 2022
Heute hab ich’s gepackt. Wellbleche. Mit Schokolade, Kurkuma, Mehl und Zucker habe ich sie bemalt. Gerade eben entstanden, werden sie vielleicht schon morgen wieder ausgelöscht sein. Ich erinnere mich an diese manuellen Zeichnungstabletts, bei denen man einfach das Brett drehen musste und die Zeichnung war weg. So stelle ich mir das mit den Blechen vor. Sicher werden sich schon bald die Tiere über mein Werk hermachen. Und dann wird es eine Frage der Zeit sein, bis die Gestaltung wieder ganz weg ist. Gestalten, weil es so schön ist und das schönste ist, die kleinen und grossen Tiere werden sich um die Entsorgung kümmern.
Doch das mit den Fellen, die ich mit einem Holzwurm-Muster bemalen will, funktioniert nicht. Es sieht bei mir nicht aus wie bei den Holzwürmern. Nun werde ich das Fell in die Waschmaschine stecken, Mal schauen, was übrig bleibt…
(das war dann keine gute Idee, das Fell liess Haare und verstopfte die Maschine, sodass sie in die Reparatur kam. Das Muster wurde aber definitiv besser, so halb ausgewaschen).
25. Jan. 2022
Heute Morgen kommen spontan zwei Frauen, eine Russin ist dabei. Solche Begegnungen sind spannend. Gerade sind beide ruhig am Arbeiten und ich habe einen Moment Zeit für mich.
Das Wetter ist einfach umwerfend: unter dem Waldhaus Nebel. Beim Waldhaus Sonne und Nebel, über dem Waldhaus Sonne. Und an allem hat es diese wunderschönen Eiskristalle, die leise und hoch tönen, wenn sie fallen.
Der Nachmittag ist dann voll. Verschiedene Leute kommen und es ergeben sich reiche Gespräche. Als alle gegangen sind, kommt noch der alte Imker, den ich fast am ersten Tag getroffen habe. Er trinkt einen Kaffee und offensichtlich ist ihm unwohl, jedenfalls ist er bald wieder weg. Wieso in aller Welt ist er gekommen????
31. Jan. 2022
Am Morgen habe ich mit drei Freundinnen in Burgdorf Kaffee getrunken. Und jetzt erst bin ich hier oben angekommen. Um zu merken, dass ich mein Handy unten gelassen habe. Das wäre halb so wild, würde ich nicht meine Sachen fotografieren wollen. Meine Idee mit der Zusammenarbeit mit den Tieren trägt schnell Früchte. Mäuse haben sich als Freiwillige gemeldet. Tüchtig haben sie genagt und dabei ein hübsches Muster hinterlassen. Weisse Schokolade also haben sie gerne…

1. 02. 2022
1. Februar. Der Endspurt hat begonnen. Heute spüre ich Schwere. Ich kenne sie. Sie kommt, wenn ich mich auf zu vieles eingelassen habe. Wenn ich zu viel gab und dann energetisch im Minus bin. Dabei ist Geben oft subtil. Ich gebe den Kindern mehr Zeit als vorgesehen. Ich verbringe zu viel Zeit mit Vorbereiten für den Kindergarten und habe dann noch ein tiefgreifendes Gespräch. Ich erschaffe Kunst, worin sehr viel Energie steckt. Und dann plötzlich spüre ich die Schwere. Sie ist das Signal, mich in die Stille zu begeben und zu warten.
Wenn mich irgendetwas aus der Natur aus den Socken haut, dann ist es Milch. Genaugenommen Muttermilch, anders gibt es sie nämlich nicht. Als sie nach der ersten Geburt bei mir zu fliessen begann, war das für mich so heftig, dass ich es einfach nicht einordnen konnte. Was geht da ab??? In dieser Phase liess ich mich x- Mal von meinen Leuten fotografieren (oder machte es selbst mit Selbstauslöser). Nein, das hatte nichts Narzisstisches, ich suchte nach einem Weg, mit dieser Üppigkeit an mir umzugehen. Die Bilder werde ich wohl nie veröffentlichen. Das geht in unserer Kultur zu nahe und macht sprachlos. Doch kommt mir die Natur in ihrer Ganzheit so vor: Üppig, unanständig, sie fragt nicht. So klebte ich mit Klebband einen Maulwurf auf ein Wellblech, der unter einem Euter steht und sich erfreut an all der Milch. Ich bringe die Thematik nicht auf die Reihe. Wieso ist Üppigkeit unanständig? Ist die Gier der Babys unanständig? Und sich daran freuen auch? Viellicht komm ich noch dahinter.
By the way: Kaum sprach ich von «Utter», sprach Rouven von «Comp-utter». Let’s vernetz…

Während ich das schreibe, «koche» ich wacker Pilze. Ich bin so angetan von den schönen Baumpilzen. Da kommt mir der Gedanke, ich könnte das selbst vielleicht auch. Und beginne zu pröbeln. Irgendetwas Omeletten-Artiges kommt dabei raus. Ich färbe die Pilze mit etwas Lebensmittelfarbe ein, wenn ich die Fladen gekonnt falte, glaubt jeder, das seien Pilze. Im Prozess erweist sich der Schnee als der grösste Freund. Die Pfanne lässt sich damit nach jedem neu entstandenen Pilz wunderbar reinigen (ohne Abwaschbürste, versteht sich). Rouven schaut mir währenddessen interessiert zu. Ob ich ihm einen Fliegenpilz machen könne, fragt er. Vielleicht ja, finde ich und pröble weiter, wärend er wacker von einer Pappe aus Schkolade-Mehl-und Gummibärli nascht, die ich eigentlich auf ein Blech streichen will. Macht langes verharren in der Wildnis eigenartig?

7. 2. 2022
Motiviert setzte ich geplante Kunstwerke um, von denen ich keine Ahnung habe, ob sie funktionieren. Dokumentiere sie, erkläre sie vor laufender Kamera. Wieso arbeite ich nur so viel für die Kunst? Berühmt werde ich wohl nie. Aber es macht Spass, wie sonst kaum etwas. Es ist der Versuch professionell zu spielen.
Meine Pilze, dich in an einem morschen Baumstrunk ausgesetzt habe, leben nicht lange. Nicht mal Spuren gibt es. Nach der ersten Nacht sind zwei Drittel weg, nach der zweiten alle.
08. Feb. 2022
Ich denke noch eine Weile über den Sinn der Kunst nach. Ein wichtiger Aspekt habe ich vergessen: Kunst tröstet. Schon oft, wenn ich down war, sah ich ein Kunstwerk oder erinnerte mich an eines. Ein Gedicht, ein Lied oder ein Bild. Dann wusste ich, dass auch dieser Kulturschaffende am selben Punkt gestanden hat. Und es sogar schaffte, diesem Erleben eine ansprechende Form zu geben. Schon oft schaute ich, wenn sich Zweifel breit machte, meine eigenen Bilder an, sah, wie schön sie sind und fühlte mich dadurch getröstet. Ich bin. Und ich bin gut.
Vorhin war ich meine Fake-Pilze fotografieren. Diesmal habe ich sie grün gekocht und weit über dem Boden in einem hohen Baumstrunk platziert, und siehe da, sie haben die erste Nacht überlebt. Grad als ich meine Fotos mache, kommt ein Paar. Nein, sie merkten nicht, dass die Pilze nicht echt sind. Als ich es ihnen sagte, löst das zuerst Verblüffung, dann eine grosse Heiterkeit.

9. 2. 2022
Es könnte nicht schöner sein. Strahlender Frühling, 10 Grad draussen. Rouven spielt und spielt. Das ist eine Frucht des Waldhüttenprojektes. Rouven kann jetzt im Wald spielen. Am Anfang wusste er nicht, was da draussen anzufangen wäre. Ich werde heute noch ein zweites Blech gestalten, eine grosse Ameise werde ich drauf malen. Ich freue mich drauf. Bald kommen die älteren Kinder. Es könnte nicht schöner sein.

Die Ameise gefällt mir. Der Fleckige Hintergrund (ist Zucker, Mehl und Gummibärli) und die nicht ganz klaren Formen sind genauso, wie ich es gerne habe.
Danach hänge ich noch Zeichnungen, die aus alten Skizzenbüchern stammen, an einer noch viel älteren Wäscheleine auf. Bei der Wäscheleine ist klar, dass sie von einst stammt, bei den Bildern nicht. Sie sehen aus, als wären sie von gestern, doch die Inhalte, die Lebensthemen von mir wiedergeben, sind schon längst Vergangenheit. Drum will ich die Gestaltungen vom Wetter verblassen lassen.

14. Feb. 2022
Die letzte Woche ist nun angebrochen. Ich schreibe eine Dankeskarte an die Gemeinde, arbeite an einer letzten Gestaltung, mache diesen Blog fertig. Ich denke nicht, dass noch viele Leute kommen werden. Für morgen sind noch zwei angemeldet, heute war eine Freundin da. Etwa sechzig Leute sind in den vergangenen Monaten hier oben vorbeigekommen. Und es waren allesamt gute Begegnungen. Ob ich das Projekt im kommenden Winter wiederhole, weiss ich noch nicht. Lust hätte ich schon. ¨
16. Februar: Dann ging es ums Abschied nehmen. Gestern habe ich all das Papier, all die Skizzen und die missratenen Versuche verbrannt. Habe sortiert und aufgeräumt. Habe bereitgestellt und zwei letzte Gäste empfangen: Eine Mutter und ein Kind, die schon mal da gewesen waren.
Heute dann ging ich zum letzten Mal mit Rouven hoch. Wir machten mit ganz viel Kleinholz Feuer, sparen brauchten wir ja nicht mehr, trugen Bürde um Bürde zum Auto, ein letztes Mal las ich ihm aus dem «Friedolin-Buch» vor. Aus dem übrigen Kaffeerahm kochten wir Griessbrei, süssten ihn mit dem übrigen Apfel-Punch oder wahlweise mit den restlichen Merci-Schokolade-Riegel, die mir jemand gebracht hatte. Dann noch ein Bisschen fegen und fertig. Fröhlich brachte ich den Schlüssel zurück auf die Gemeinde.
…und das Gefühl danach? Ist einfach nur Glück. Glücklich wegen jedem Einzelnen wunderbaren Moment. Glücklich, dass ich das gemacht habe. Glücklich wegen all den wunderbaren Begegnungen. Glücklich, über mein Glück, dass ich das machen konnte.
20. 12. 2021
Jetzt hat es uns erwischt. Gerade hat Jürg angerufen, dass die Familie, mit der wir gestern unterwegs waren, Corona hat. In den nächsten Stunden wird der Anruf kommen, dass wir, wenn es das Omikron-Virus ist auch wir, in Quarantäne müssen. «Was nähmest du mit, wenn du zehn Tage auf eine Einsame Insel gehst?» ist nun die Frage. Ich habe verkündet, dass ich Spitzbuben machen möchte. Für das nämlich nehme ich mir nie Zeit.
Die Waldhütte scheint mir jetzt grad ein Segen. Hier oben könnte ich mich mit den Kindern verschanzen. Und da dürften sie nämlich auch raus, ist nämlich wohl nicht definiert, wie gross das Grundstück ist, das zur Hütte gehört… Daneben fällt mir jede Minute etwas ein, das wir absagen müssen.
Abend: zum Glück war es Fehlalarm, wir kamen nochmals davon…
21. 12. 2021
Eine Reporterin hat sich angemeldet, die über das Projekt schreiben will. Noch weiss ich nicht, ob überhaupt jemand da sein wird, dann aber meldet sich meine Schwägerin an. Genau die richtige ist sie, selbst interessant mit eifrigen Kindern.
Ich mache das Haus bereit und warte. Zuerst kommt die Schwägerin mit den Kindern. Ich machen ein paar Gestaltungsvorschläge. Häufig gehe ich von Kunstkarten aus, so auch diesmal. Alle sollen sich eine wählen und dann damit weiterarbeiten, drei Möglichkeiten biete ich an. Es wird ein wunderschöner Nachmittag. Die Reporterin kommt und klinkt sich gleich ein. So gestalten wir gemeinsam, sprechen ein bisschen, die Schwägerin erweist sich als echte Unterstützung. Als alle gegangen sind, habe ich ein gutes Gefühl.
27. 12. 2021
Es ist Altjahrswoche und das merke ich auch hier. Verschiedene Leute kommen, verweilen. Zum Nachtessen haben wir Freunde eingeladen. Weltoffene Menschen, die einen ganz interessanten Lebensentwurf haben. Doch mit ihren fünf Kindern, steht auch ihnen zuweilen das Wasser bis zum Hals, davor schützt wohl auch der beste Lebensentwurf nicht ganz…
Am kommenden Morgen erscheint mein Bruder mit seiner Familie. Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen und das Zusammensein ist herzlich. Inzwischen glaube ich, dass gute Gespräche zur Magie der Waldhütte gehören. Und die Leute lassen sich Mal für Mal auf das Gestalten ein, was mich glücklich macht. Meine eigene Kunst wandelt sich. Ich habe begonnen, grosse Bleistiftzeichnungen coloriert mit Aquarell anzufertigen.
4. Jan. 2022
Es scheint mein Karma zu sein, mit einer Horde Kinder unterwegs zu sein, gestern war ich mit fünf Kindern auf der Piste. Es war ein schweisstreibendes Unterfangen da ich den Jüngsten ständig zwischen den Beinen hatte. Am Abend erklärte mir meine Freundin bei einem langen Spaziergang, dass sie die Kinder jeweils in die Skischule schickt und ich meldete Rouven sofort an.
Heute bin ich endlich wieder hier. Es ist still und es ist warm draussen, ganze 15 Grad. Schon in ein paar Stunden muss ich zurück. Aber die Stille sauge ich auf, wie ein Schwamm frisches Wasser. Ich mache ein Bild fertig, sonst lasse ich es mir gutgehen, schreibe, lese, pflege Kontakte.
11. Jan. 2022
Es ist ein Tanz ums Feuer. Es ist grenzwertig. Ich alleine im Wald, Tag für Tag. Der nächste Besucher hat sich für den 2. Februar angemeldet. Die Phasen wechseln sich ab. Alles fühlt sich unwirklich an. Am Morgen mit Jürg unterwegs. Sprechen über eine Zukunft, die es nicht gibt. Kunst will und braucht niemand, mich braucht es nicht. Und doch bin ich. Ich male, als gäbe es kein Morgen. Ich weiss, das ist der Weg. Malen, als gäbe es kein Morgen. In jedem Moment. Nicht denken, was sein wird und könnte. Es ist still. Nur vom Dach tropft es, unablässig. Ich fühle mich wie im Rausch. Pech auf Blech. Leuchtfarbe auf Pech und Blech. Naturformen. Reduziert, weniger. Ich mache irgendetwas, singe, bin, Irrsein ist nicht weit. Ich will noch vorbereiten für den Kindergarten. Aber das scheint so weit weg, dass ich gar nicht glaube, dass ich jemals dort sein werde. Eine andere Welt kann tatsächlich nur eine Viertelstunde mit dem Auto weg sein. Oder zehn Minuten zu Fuss.
17. Jan. 2022
Eine Woche später denke ich anders und bin voller Tatendrang. Der Artikel ist in der Zeitung erschienen und es haben sich viele Besucher angemeldet. Die Gemeinde hat den Kaminfeger vorbeigeschickt und der Ofen raucht nicht mehr. Und ich werde mir bewusst, dass ich gar nicht mehr lange hier sein darf. Das motiviert mich, meine Projekte umzusetzen.
Ich will eine Abschlussarbeit machen. Jeden Tag komme ich einen Schritt weiter. Felle. Hinten auf Felle malen. Mit Tusche. Schwarz. Symbolische Sujets gefertigt aus einzelnen Strichen. Jetzt bleibt noch die Frage nach den Sujets. Es werden Dinge sein, die sich mir eingeprägt haben. Formen aus der Natur. Die Beerenstauden hinter dem Haus zum Beispiel.

15. Nov. 2021
Heute komme ich zum ersten Mal hoch. Das Auto habe ich vollgeladen mit allem Möglichem: Schlafsack, Mätteli, einem kleinen Essvorrat, Wasser, Papier und Farben. Alles scheint mir noch unwirklich: Ist es tatsächlich so, dass ich jetzt tagelang hier oben sein werde? Auch wenn ich alle Fenster öffne, ist es im Waldhaus so dunkel, dass ich ohne Licht nicht lesen kann. Schreiben schon, weil der Laptop ja ohnehin leuchtet. Mit viel Elan trage ich meine Sachen vom Auto ins Haus und versuche Feuer zu machen. Mein kleiner Sohn Rouven ist bei mir, er spielt ein bisschen und schaut mir zu. Später bringe ich ihn zurück nach Hause. Ich habe ein Filmchen gemacht, so ein Selfie, wo ich die ersten Momente hier oben festhalte. Wozu ich dies brauche, ist mir noch unklar. Wie vieles anderes auch: Zum Beispiel was ich hier arbeiten werde. Ich habe etwa vier mögliche Projekte im Kopf, doch gelingt es mir noch nicht, mich festzulegen.
Nachdem ich zurück in der Hütte bin, beginne ich zu schreiben. Ein Portrait über meine älteste Schwester. Ein paar weitere Texte zu meiner Herkunftsfamilie habe ich schon früher gemacht. Ich habe wenig Kontakt zu meinen Geschwistern und möchte sie darum für meine Kinder beschreiben, wie ich sie in der Kindheit erlebte, damit sie sich ein Bild machen können. Manchmal erwäge ich, meine ganze Familiengeschichte niederzuschreiben. Ich schreibe ein paar Stunden, weiss noch nicht, ob ich hier oben schlafen werde. Dann sehe ich, dass ich die Türe von innen nicht abschliessen kann, nur mit einer dürftigen Schraube fixieren, so dass sie nicht von selbst aufspringt. Dazu ist es im Haus inzwischen stockdunkel. Darum mache ich mich auf den Weg nach Hause.
In der Nacht schlafe ich tief. Um fünf mache ich mich wieder auf den Weg. Noch im Dunkeln mache Feuer und schreibe weiter. Inzwischen bin ich beim vierten Portrait meiner sieben Geschwistern angelangt. Heute ist ein düsterer Tag und Die Hütte erscheint mir leer und kalt.
17. Nov. 2021
Das Mittagessen ist vorbei. Rouven den ganzen Tag bei mir bleiben. Der Morgen war friedlich verlaufen: Ich habe Rouven den Rücken massiert mit heissen Steinen, die wir auf dem Ofen immer wieder warm machten. Dann haben wir Zeitungen zerknüllt, sie wurden die Steine des Baggers. Später liessen wir Acrylfarben über ein Blatt Papier fliessen und bestaunten die Verläufe. Und natürlich habe ich auch Globi erzählt. Irgendeinmal kamen die älteren Kinder, Aaron nahm spontan einen Schulkollegen mit. Es gab Sandwiches und von dem Riccola-Tee. Schon bald klopfte es wieder und noch ein Kind stand da, eine Kollegin von Johana, dann kam noch ein Kollege von Aaron. So sitze ich jetzt hier mit sieben Kindern, die einen gestalten, die anderen machen draussen grosse Feuer. Rouven haben wir unter den Tisch gelegt, er schläft. Es ist eine gemütliche Stimmung.
Gestern war ich mit meiner Tochter am Zibelämärit und drum nicht in der Hütte. Stimmt nicht ganz. Am Abend kamen wir alle hoch und haben ein Fondue gegessen. Aber heute bin ich den ganzen Tag da. Stimmt auch nicht ganz. Am Morgen war ich spazieren im Wald, grad ganz zu Beginn. Da traf ich diese Frau, übrigens nicht zum ersten Mal. Diesmal sprach sie mich an. Fragte, warum ich sie verfolgen würde, was ich überhaupt hier in der Waldhütte machen würde und die mysteriöse Feder beim Gummistein unten, was denn die zu bedeuten hätte? Etwas verdattert gab ich Auskunft. Ja, Kunst mache ich. Ja, die Feder passe halt einfach zum Stein und der Bauer hätte es erlaubt, sie dort zu lassen. Nein, das Ganze sei nicht primär ein spiritueller Akt. Zurück in der Hütte sehe ich mich erst mal nach dem Pfefferspray um. Sicher ist sicher. Wer weiss, wem ich hier sonst noch begegnen werde.
Es wird ein hektischer Tag. Viel Maschinenlärm, Leute, die hochkommen und sich ums Haus aufhalten. Ich male viel und erledige noch sonst einiges. Und plane. Es wird eine volle Woche werden, da hilft es, gut zu planen. Leider muss ich die Hütte für diese Woche schon schliessen. Ich würde gern noch viel länger bleiben.
Montag, 29. November 2021
Es hat Schnee, es schneit und es ist still, wunderschön. Die Stille habe ich heute dringend nötig. Gestern war ein intensiver Tag. Wir hatten Besuch, haben sie bekocht, dann waren wir och einem Geburtstag. Den ganzen Tag habe ich gesprochen und in der Nacht bin ich aufgewacht und habe über das Gesprochene nachgedacht. Heute geht es mir so richtig schlecht. Ich weiss, es ist der Glühwein von gestern. Als ich vorhin in der Waldhütte ankam, stellte ich fest, dass die Mäuse da waren. Ich verpacke jeweils fast alles in Plastikboxen, aber eben nicht ganz alles. Und diesmal haben sie an meinem Lammfell geknappert, das meinen Stuhl polstert und am Papier. Ihre Geschäfte erledigten sie ausgerechnet in meinem Plastikbesteck. So putze ich zuerst einmal eine ganze Weile.
Jetzt könnte ich ohne weiteres beginnen mit Arbeiten. Aber ich zittere vor Kälte, obwohl der Ofen inzwischen ganz schön heizt. Sehr wahrscheinlich habe ich Fieber. So lege ich mich auf meine neu gekaufte, aufblasbare Matte. Augenblicklich sinkt sie in sich zusammen und ich stelle fest, dass auch sie von den Mäusen angeknabbert wurde. Auf der harten Matte will der Schlaf nicht kommen. Ständig schaue ich aufs Handy, beantworte hier und da eine Nachricht. Als ich mitdenken soll, ob wohl die Echsen, die meine Kollegin für den Adventskalender gekauft hat, zu gruselig aussehen, um sie zu schenken, schalte ich mein Handy aus. Bis auf ein Brummen im Kopf geht es schon viel besser.
Später beginne ich dann doch zu malen. Mehrere Stunden versuche ich, Wolken wolkig zu malen. Als ich vor dem fertigen Werk stehe, habe ich keine Ahnung, ob das jetzt großartig ist oder nicht. Auch nicht, ob es fertig ist.
30. Nov. 2021
Ab heute dürfen Leute kommen. Ich bin gespannt, ob da überhaupt jemand kommt. Nun, langweilig wird es mir auch so nicht.
Jetzt sollte ich den Kindergarten vorbereiten. Eigentlich nicht das, was ich mir vorstelle, hier oben zu arbeiten, aber sonst scheint die Woche schon allzu voll.
Ein Mann kommt vorbei, er will einfach sehen, wer da in der Hütte ist und was ich da so mache. Es ist ein Imker aus der Gegend und bald sprechen wir vom regnerischen Sommer und den bescheidenen Honigerträgen (als würde ich was davon verstehen!). Später schreibe ich an meiner Familienchronik weiter und gehe spazieren. Der Schnee ist einfach himmlisch. Zwei Frauen hoch zu Pferd begegneten mir einmal, zweimal. Beide Male fotografiere ich Baumstämme, zweimal eine identische Situation zu verschiedenen Zeitpunkten. Ich sammle. Immer, wenn mir eine Struktur oder eine Form im Wald gefällt, photoraphiere ich sie. Zurück im Haus klopften zwei Freundinnen an. Lachend streckt mir die einen Baileys entgegen und wir haben eine fröhliche Frauenrunde. Einlassen aufs Malen mögen sie sich nicht.
01. 12. 1021
Rouven-Tag. In fünf-cm-Schritten war er heute Morgen unterwegs und es ist elf Uhr, als wir ankommen. Schnell Feuer machen, Mittagessen aufstellen, Globi erzählen. Und da kommen auch schon die Kinder. Fünf sind es heute. Fröhlich und zufrieden mampfen sie das, was ich ihnen vorsetze und beginnen dann zu gestalten. Rouven schlüpft willig in den Schlafsack unter dem Tisch. Und dann, welche Überraschung, kommen unerwartet zwei Bekannte, eine aus Thun und eine aus Adelboden. Nein, sie hätten den Tag überhaupt nicht geplant, irgend ein Wind habe sie hierher geweht. Anders als viele stürzen sie sich auf die Malsachen und gestalten fröhlich darauf hin. Es sind keine Künstlerinnen, aber definitiv mutige Frauen. Und Rouven schläft unter dem Tisch und die Kinder gehen alle nach Hause und wir drei Frauen schwatzen geschlagene drei Stunden. So schön kann das Leben sein. Draussen regnet es inzwischen in Strömen, auf dem Nachhauseweg werden wir garantiert nass werden.
6. 12. 2021
Wer wäre ich, ohne etwas vom Zaun zu reissen? Diesmal soll es eine Samichlous-Fete werden, hier oben im Waldhaus. Angefangen hat es mit dem Gedanken, dass unser kleine Rouven doch dringend einen St. Nikolaus braucht. Ich könnte es selbst einmal versuchen. Die Kleider waren einfach zu organisieren. Und die vier Familien, die ich in meinem Plan einweihte, wollten zu meiner Überraschung alle dabei sein. Offensichtlich handelt es sich hier um eine Marktlücke.
Ich begann, zu Hause vor dem Spiegel Samichlous zu üben. Lauthals Lachen und den Bauch dazu zu halten gelang überzeugend. So beschloss ich, einen besonders lustigen Samichlaus abzugeben. Als dann eine Kollegin bereit war, den Samichlaus zu spielen, gab ich die Rolle gerne ab. Eigentlich kann es heute Abend nur noch gut gehen, denke ich.
Doch bevor der Samichlaus kommt, male ich nochmals lange an einem angefangenen Bild. Manchmal gibt es Bilder, die weigern sich standhaft, Form anzunehmen. Am Schluss drücke ich in einer gewissen Ratlosigkeit den Pinsel oben am Bild mehrmals aus und beobachtete die Farbtropfen, die über das Bild laufen. Das Relultat gefällt mir. Wenn das keine Kunst ist!
07. Dez. 2021
Das war eine Party! Die Babys mitgerechnet waren wir 24 Leute. Und der Samichlaus kam mit einer leuchtenden Laterne, alle sahen ihn von weitem und auch, wie er den Sack hinter dem Haus aus dem Einkaufwagen fischte. Die Kinder liessen sich dennoch breitwillig täuschen. Die Frage wer es war, kam gar nicht auf, er war der Samichlaus, klar!
Später sassen wir zusammen, eine gesellige Runde und verspeisen die Grittibänzä (was sich für mich jedes Mal leicht kannibalisch anfühlt).
In der Nacht ging es mir wie schon oft, ich sortiere anscheinend lieber die Eindrücke als zu schlafen.
8. 12. 2021
Ach ist das schön, diese Stille. Rouven schläft einmal mehr unter dem Tisch. Schon seit fast drei Stunden. Und ich gestalte friedlich, diesmal an einem Goldbild. Ich sollte ihn wecken. Draussen schneit es, cm um cm. Bevor wir in den Schnee gehen will ich noch das Göttigeschenk mit ihm basteln. Dieses Jahr mache ich es mir erdenklich einfach: Ein Salatbesteck, das die Kinder mit bunten Farbtupfen verzieren. Rouven brauchte keine zehn Minuten dazu. Bald wird die Bude wieder voll sein. Ich weiss, dass meine Kinder da unten mit ihren Kollegen Schneerutschen und hier ihr z Vieri essen wollen. Ich mache mich gefasst auf nasse Kleiderberge.
13. 12.
Heute bin ich früh hier. So früh, dass ich bei Dunkelheit bis auf den Güggel gehen kann und es erst, als ich zurück bin, hell wird. Unterwegs habe ich wunderschöne Bilder geschossen. Die Kinder waren krank übers Wochenende und ich bin die ganze Zeit mit ihnen rumgelegen. Es geht ihnen immer noch nicht besser und ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich hier meinen Interessen nachgehe, während Jürg zu Hause schaut.
Am Wochenende habe ich ein Buch über Tina Turner gelesen. Ihr spiritueller Weg. Sie hat durch chanten, das ist stundenlanges Singen von spirituellen Texten, zu sich gefunden. Ich mache es ihr nach und singe laut und lange. Tatsächlich breitet sich eine Ruhe in mir aus.
Die Zeit hier in der Hütte wird anders als ich dachte. Stille und Kontemplation ist ein viel grösserer Anteil als ich mir dachte, die Besucher kommen zwar ständig, aber doch weniger, als ich zuerst annehm. Dafür habe ich viel Zeit zum Gestalten.