Blog 3. Teil
24. Jan. 2022
Heute hab ich’s gepackt. Wellbleche. Mit Schokolade, Kurkuma, Mehl und Zucker habe ich sie bemalt. Gerade eben entstanden, werden sie vielleicht schon morgen wieder ausgelöscht sein. Ich erinnere mich an diese manuellen Zeichnungstabletts, bei denen man einfach das Brett drehen musste und die Zeichnung war weg. So stelle ich mir das mit den Blechen vor. Sicher werden sich schon bald die Tiere über mein Werk hermachen. Und dann wird es eine Frage der Zeit sein, bis die Gestaltung wieder ganz weg ist. Gestalten, weil es so schön ist und das schönste ist, die kleinen und grossen Tiere werden sich um die Entsorgung kümmern.
Doch das mit den Fellen, die ich mit einem Holzwurm-Muster bemalen will, funktioniert nicht. Es sieht bei mir nicht aus wie bei den Holzwürmern. Nun werde ich das Fell in die Waschmaschine stecken, Mal schauen, was übrig bleibt…
(das war dann keine gute Idee, das Fell liess Haare und verstopfte die Maschine, sodass sie in die Reparatur kam. Das Muster wurde aber definitiv besser, so halb ausgewaschen).
25. Jan. 2022
Heute Morgen kommen spontan zwei Frauen, eine Russin ist dabei. Solche Begegnungen sind spannend. Gerade sind beide ruhig am Arbeiten und ich habe einen Moment Zeit für mich.
Das Wetter ist einfach umwerfend: unter dem Waldhaus Nebel. Beim Waldhaus Sonne und Nebel, über dem Waldhaus Sonne. Und an allem hat es diese wunderschönen Eiskristalle, die leise und hoch tönen, wenn sie fallen.
Der Nachmittag ist dann voll. Verschiedene Leute kommen und es ergeben sich reiche Gespräche. Als alle gegangen sind, kommt noch der alte Imker, den ich fast am ersten Tag getroffen habe. Er trinkt einen Kaffee und offensichtlich ist ihm unwohl, jedenfalls ist er bald wieder weg. Wieso in aller Welt ist er gekommen????
31. Jan. 2022
Am Morgen habe ich mit drei Freundinnen in Burgdorf Kaffee getrunken. Und jetzt erst bin ich hier oben angekommen. Um zu merken, dass ich mein Handy unten gelassen habe. Das wäre halb so wild, würde ich nicht meine Sachen fotografieren wollen. Meine Idee mit der Zusammenarbeit mit den Tieren trägt schnell Früchte. Mäuse haben sich als Freiwillige gemeldet. Tüchtig haben sie genagt und dabei ein hübsches Muster hinterlassen. Weisse Schokolade also haben sie gerne…

1. 02. 2022
1. Februar. Der Endspurt hat begonnen. Heute spüre ich Schwere. Ich kenne sie. Sie kommt, wenn ich mich auf zu vieles eingelassen habe. Wenn ich zu viel gab und dann energetisch im Minus bin. Dabei ist Geben oft subtil. Ich gebe den Kindern mehr Zeit als vorgesehen. Ich verbringe zu viel Zeit mit Vorbereiten für den Kindergarten und habe dann noch ein tiefgreifendes Gespräch. Ich erschaffe Kunst, worin sehr viel Energie steckt. Und dann plötzlich spüre ich die Schwere. Sie ist das Signal, mich in die Stille zu begeben und zu warten.
Wenn mich irgendetwas aus der Natur aus den Socken haut, dann ist es Milch. Genaugenommen Muttermilch, anders gibt es sie nämlich nicht. Als sie nach der ersten Geburt bei mir zu fliessen begann, war das für mich so heftig, dass ich es einfach nicht einordnen konnte. Was geht da ab??? In dieser Phase liess ich mich x- Mal von meinen Leuten fotografieren (oder machte es selbst mit Selbstauslöser). Nein, das hatte nichts Narzisstisches, ich suchte nach einem Weg, mit dieser Üppigkeit an mir umzugehen. Die Bilder werde ich wohl nie veröffentlichen. Das geht in unserer Kultur zu nahe und macht sprachlos. Doch kommt mir die Natur in ihrer Ganzheit so vor: Üppig, unanständig, sie fragt nicht. So klebte ich mit Klebband einen Maulwurf auf ein Wellblech, der unter einem Euter steht und sich erfreut an all der Milch. Ich bringe die Thematik nicht auf die Reihe. Wieso ist Üppigkeit unanständig? Ist die Gier der Babys unanständig? Und sich daran freuen auch? Viellicht komm ich noch dahinter.
By the way: Kaum sprach ich von «Utter», sprach Rouven von «Comp-utter». Let’s vernetz…

Während ich das schreibe, «koche» ich wacker Pilze. Ich bin so angetan von den schönen Baumpilzen. Da kommt mir der Gedanke, ich könnte das selbst vielleicht auch. Und beginne zu pröbeln. Irgendetwas Omeletten-Artiges kommt dabei raus. Ich färbe die Pilze mit etwas Lebensmittelfarbe ein, wenn ich die Fladen gekonnt falte, glaubt jeder, das seien Pilze. Im Prozess erweist sich der Schnee als der grösste Freund. Die Pfanne lässt sich damit nach jedem neu entstandenen Pilz wunderbar reinigen (ohne Abwaschbürste, versteht sich). Rouven schaut mir währenddessen interessiert zu. Ob ich ihm einen Fliegenpilz machen könne, fragt er. Vielleicht ja, finde ich und pröble weiter, wärend er wacker von einer Pappe aus Schkolade-Mehl-und Gummibärli nascht, die ich eigentlich auf ein Blech streichen will. Macht langes verharren in der Wildnis eigenartig?

7. 2. 2022
Motiviert setzte ich geplante Kunstwerke um, von denen ich keine Ahnung habe, ob sie funktionieren. Dokumentiere sie, erkläre sie vor laufender Kamera. Wieso arbeite ich nur so viel für die Kunst? Berühmt werde ich wohl nie. Aber es macht Spass, wie sonst kaum etwas. Es ist der Versuch professionell zu spielen.
Meine Pilze, dich in an einem morschen Baumstrunk ausgesetzt habe, leben nicht lange. Nicht mal Spuren gibt es. Nach der ersten Nacht sind zwei Drittel weg, nach der zweiten alle.
08. Feb. 2022
Ich denke noch eine Weile über den Sinn der Kunst nach. Ein wichtiger Aspekt habe ich vergessen: Kunst tröstet. Schon oft, wenn ich down war, sah ich ein Kunstwerk oder erinnerte mich an eines. Ein Gedicht, ein Lied oder ein Bild. Dann wusste ich, dass auch dieser Kulturschaffende am selben Punkt gestanden hat. Und es sogar schaffte, diesem Erleben eine ansprechende Form zu geben. Schon oft schaute ich, wenn sich Zweifel breit machte, meine eigenen Bilder an, sah, wie schön sie sind und fühlte mich dadurch getröstet. Ich bin. Und ich bin gut.
Vorhin war ich meine Fake-Pilze fotografieren. Diesmal habe ich sie grün gekocht und weit über dem Boden in einem hohen Baumstrunk platziert, und siehe da, sie haben die erste Nacht überlebt. Grad als ich meine Fotos mache, kommt ein Paar. Nein, sie merkten nicht, dass die Pilze nicht echt sind. Als ich es ihnen sagte, löst das zuerst Verblüffung, dann eine grosse Heiterkeit.

9. 2. 2022
Es könnte nicht schöner sein. Strahlender Frühling, 10 Grad draussen. Rouven spielt und spielt. Das ist eine Frucht des Waldhüttenprojektes. Rouven kann jetzt im Wald spielen. Am Anfang wusste er nicht, was da draussen anzufangen wäre. Ich werde heute noch ein zweites Blech gestalten, eine grosse Ameise werde ich drauf malen. Ich freue mich drauf. Bald kommen die älteren Kinder. Es könnte nicht schöner sein.

Die Ameise gefällt mir. Der Fleckige Hintergrund (ist Zucker, Mehl und Gummibärli) und die nicht ganz klaren Formen sind genauso, wie ich es gerne habe.
Danach hänge ich noch Zeichnungen, die aus alten Skizzenbüchern stammen, an einer noch viel älteren Wäscheleine auf. Bei der Wäscheleine ist klar, dass sie von einst stammt, bei den Bildern nicht. Sie sehen aus, als wären sie von gestern, doch die Inhalte, die Lebensthemen von mir wiedergeben, sind schon längst Vergangenheit. Drum will ich die Gestaltungen vom Wetter verblassen lassen.

14. Feb. 2022
Die letzte Woche ist nun angebrochen. Ich schreibe eine Dankeskarte an die Gemeinde, arbeite an einer letzten Gestaltung, mache diesen Blog fertig. Ich denke nicht, dass noch viele Leute kommen werden. Für morgen sind noch zwei angemeldet, heute war eine Freundin da. Etwa sechzig Leute sind in den vergangenen Monaten hier oben vorbeigekommen. Und es waren allesamt gute Begegnungen. Ob ich das Projekt im kommenden Winter wiederhole, weiss ich noch nicht. Lust hätte ich schon. ¨
16. Februar: Dann ging es ums Abschied nehmen. Gestern habe ich all das Papier, all die Skizzen und die missratenen Versuche verbrannt. Habe sortiert und aufgeräumt. Habe bereitgestellt und zwei letzte Gäste empfangen: Eine Mutter und ein Kind, die schon mal da gewesen waren.
Heute dann ging ich zum letzten Mal mit Rouven hoch. Wir machten mit ganz viel Kleinholz Feuer, sparen brauchten wir ja nicht mehr, trugen Bürde um Bürde zum Auto, ein letztes Mal las ich ihm aus dem «Friedolin-Buch» vor. Aus dem übrigen Kaffeerahm kochten wir Griessbrei, süssten ihn mit dem übrigen Apfel-Punch oder wahlweise mit den restlichen Merci-Schokolade-Riegel, die mir jemand gebracht hatte. Dann noch ein Bisschen fegen und fertig. Fröhlich brachte ich den Schlüssel zurück auf die Gemeinde.
…und das Gefühl danach? Ist einfach nur Glück. Glücklich wegen jedem Einzelnen wunderbaren Moment. Glücklich, dass ich das gemacht habe. Glücklich wegen all den wunderbaren Begegnungen. Glücklich, über mein Glück, dass ich das machen konnte.