
15. Nov. 2021
Heute komme ich zum ersten Mal hoch. Das Auto habe ich vollgeladen mit allem Möglichem: Schlafsack, Mätteli, einem kleinen Essvorrat, Wasser, Papier und Farben. Alles scheint mir noch unwirklich: Ist es tatsächlich so, dass ich jetzt tagelang hier oben sein werde? Auch wenn ich alle Fenster öffne, ist es im Waldhaus so dunkel, dass ich ohne Licht nicht lesen kann. Schreiben schon, weil der Laptop ja ohnehin leuchtet. Mit viel Elan trage ich meine Sachen vom Auto ins Haus und versuche Feuer zu machen. Mein kleiner Sohn Rouven ist bei mir, er spielt ein bisschen und schaut mir zu. Später bringe ich ihn zurück nach Hause. Ich habe ein Filmchen gemacht, so ein Selfie, wo ich die ersten Momente hier oben festhalte. Wozu ich dies brauche, ist mir noch unklar. Wie vieles anderes auch: Zum Beispiel was ich hier arbeiten werde. Ich habe etwa vier mögliche Projekte im Kopf, doch gelingt es mir noch nicht, mich festzulegen.
Nachdem ich zurück in der Hütte bin, beginne ich zu schreiben. Ein Portrait über meine älteste Schwester. Ein paar weitere Texte zu meiner Herkunftsfamilie habe ich schon früher gemacht. Ich habe wenig Kontakt zu meinen Geschwistern und möchte sie darum für meine Kinder beschreiben, wie ich sie in der Kindheit erlebte, damit sie sich ein Bild machen können. Manchmal erwäge ich, meine ganze Familiengeschichte niederzuschreiben. Ich schreibe ein paar Stunden, weiss noch nicht, ob ich hier oben schlafen werde. Dann sehe ich, dass ich die Türe von innen nicht abschliessen kann, nur mit einer dürftigen Schraube fixieren, so dass sie nicht von selbst aufspringt. Dazu ist es im Haus inzwischen stockdunkel. Darum mache ich mich auf den Weg nach Hause.
In der Nacht schlafe ich tief. Um fünf mache ich mich wieder auf den Weg. Noch im Dunkeln mache Feuer und schreibe weiter. Inzwischen bin ich beim vierten Portrait meiner sieben Geschwistern angelangt. Heute ist ein düsterer Tag und Die Hütte erscheint mir leer und kalt.
17. Nov. 2021
Das Mittagessen ist vorbei. Rouven den ganzen Tag bei mir bleiben. Der Morgen war friedlich verlaufen: Ich habe Rouven den Rücken massiert mit heissen Steinen, die wir auf dem Ofen immer wieder warm machten. Dann haben wir Zeitungen zerknüllt, sie wurden die Steine des Baggers. Später liessen wir Acrylfarben über ein Blatt Papier fliessen und bestaunten die Verläufe. Und natürlich habe ich auch Globi erzählt. Irgendeinmal kamen die älteren Kinder, Aaron nahm spontan einen Schulkollegen mit. Es gab Sandwiches und von dem Riccola-Tee. Schon bald klopfte es wieder und noch ein Kind stand da, eine Kollegin von Johana, dann kam noch ein Kollege von Aaron. So sitze ich jetzt hier mit sieben Kindern, die einen gestalten, die anderen machen draussen grosse Feuer. Rouven haben wir unter den Tisch gelegt, er schläft. Es ist eine gemütliche Stimmung.
Gestern war ich mit meiner Tochter am Zibelämärit und drum nicht in der Hütte. Stimmt nicht ganz. Am Abend kamen wir alle hoch und haben ein Fondue gegessen. Aber heute bin ich den ganzen Tag da. Stimmt auch nicht ganz. Am Morgen war ich spazieren im Wald, grad ganz zu Beginn. Da traf ich diese Frau, übrigens nicht zum ersten Mal. Diesmal sprach sie mich an. Fragte, warum ich sie verfolgen würde, was ich überhaupt hier in der Waldhütte machen würde und die mysteriöse Feder beim Gummistein unten, was denn die zu bedeuten hätte? Etwas verdattert gab ich Auskunft. Ja, Kunst mache ich. Ja, die Feder passe halt einfach zum Stein und der Bauer hätte es erlaubt, sie dort zu lassen. Nein, das Ganze sei nicht primär ein spiritueller Akt. Zurück in der Hütte sehe ich mich erst mal nach dem Pfefferspray um. Sicher ist sicher. Wer weiss, wem ich hier sonst noch begegnen werde.
Es wird ein hektischer Tag. Viel Maschinenlärm, Leute, die hochkommen und sich ums Haus aufhalten. Ich male viel und erledige noch sonst einiges. Und plane. Es wird eine volle Woche werden, da hilft es, gut zu planen. Leider muss ich die Hütte für diese Woche schon schliessen. Ich würde gern noch viel länger bleiben.
Montag, 29. November 2021
Es hat Schnee, es schneit und es ist still, wunderschön. Die Stille habe ich heute dringend nötig. Gestern war ein intensiver Tag. Wir hatten Besuch, haben sie bekocht, dann waren wir och einem Geburtstag. Den ganzen Tag habe ich gesprochen und in der Nacht bin ich aufgewacht und habe über das Gesprochene nachgedacht. Heute geht es mir so richtig schlecht. Ich weiss, es ist der Glühwein von gestern. Als ich vorhin in der Waldhütte ankam, stellte ich fest, dass die Mäuse da waren. Ich verpacke jeweils fast alles in Plastikboxen, aber eben nicht ganz alles. Und diesmal haben sie an meinem Lammfell geknappert, das meinen Stuhl polstert und am Papier. Ihre Geschäfte erledigten sie ausgerechnet in meinem Plastikbesteck. So putze ich zuerst einmal eine ganze Weile.
Jetzt könnte ich ohne weiteres beginnen mit Arbeiten. Aber ich zittere vor Kälte, obwohl der Ofen inzwischen ganz schön heizt. Sehr wahrscheinlich habe ich Fieber. So lege ich mich auf meine neu gekaufte, aufblasbare Matte. Augenblicklich sinkt sie in sich zusammen und ich stelle fest, dass auch sie von den Mäusen angeknabbert wurde. Auf der harten Matte will der Schlaf nicht kommen. Ständig schaue ich aufs Handy, beantworte hier und da eine Nachricht. Als ich mitdenken soll, ob wohl die Echsen, die meine Kollegin für den Adventskalender gekauft hat, zu gruselig aussehen, um sie zu schenken, schalte ich mein Handy aus. Bis auf ein Brummen im Kopf geht es schon viel besser.
Später beginne ich dann doch zu malen. Mehrere Stunden versuche ich, Wolken wolkig zu malen. Als ich vor dem fertigen Werk stehe, habe ich keine Ahnung, ob das jetzt großartig ist oder nicht. Auch nicht, ob es fertig ist.
30. Nov. 2021
Ab heute dürfen Leute kommen. Ich bin gespannt, ob da überhaupt jemand kommt. Nun, langweilig wird es mir auch so nicht.
Jetzt sollte ich den Kindergarten vorbereiten. Eigentlich nicht das, was ich mir vorstelle, hier oben zu arbeiten, aber sonst scheint die Woche schon allzu voll.
Ein Mann kommt vorbei, er will einfach sehen, wer da in der Hütte ist und was ich da so mache. Es ist ein Imker aus der Gegend und bald sprechen wir vom regnerischen Sommer und den bescheidenen Honigerträgen (als würde ich was davon verstehen!). Später schreibe ich an meiner Familienchronik weiter und gehe spazieren. Der Schnee ist einfach himmlisch. Zwei Frauen hoch zu Pferd begegneten mir einmal, zweimal. Beide Male fotografiere ich Baumstämme, zweimal eine identische Situation zu verschiedenen Zeitpunkten. Ich sammle. Immer, wenn mir eine Struktur oder eine Form im Wald gefällt, photoraphiere ich sie. Zurück im Haus klopften zwei Freundinnen an. Lachend streckt mir die einen Baileys entgegen und wir haben eine fröhliche Frauenrunde. Einlassen aufs Malen mögen sie sich nicht.
01. 12. 1021
Rouven-Tag. In fünf-cm-Schritten war er heute Morgen unterwegs und es ist elf Uhr, als wir ankommen. Schnell Feuer machen, Mittagessen aufstellen, Globi erzählen. Und da kommen auch schon die Kinder. Fünf sind es heute. Fröhlich und zufrieden mampfen sie das, was ich ihnen vorsetze und beginnen dann zu gestalten. Rouven schlüpft willig in den Schlafsack unter dem Tisch. Und dann, welche Überraschung, kommen unerwartet zwei Bekannte, eine aus Thun und eine aus Adelboden. Nein, sie hätten den Tag überhaupt nicht geplant, irgend ein Wind habe sie hierher geweht. Anders als viele stürzen sie sich auf die Malsachen und gestalten fröhlich darauf hin. Es sind keine Künstlerinnen, aber definitiv mutige Frauen. Und Rouven schläft unter dem Tisch und die Kinder gehen alle nach Hause und wir drei Frauen schwatzen geschlagene drei Stunden. So schön kann das Leben sein. Draussen regnet es inzwischen in Strömen, auf dem Nachhauseweg werden wir garantiert nass werden.
6. 12. 2021
Wer wäre ich, ohne etwas vom Zaun zu reissen? Diesmal soll es eine Samichlous-Fete werden, hier oben im Waldhaus. Angefangen hat es mit dem Gedanken, dass unser kleine Rouven doch dringend einen St. Nikolaus braucht. Ich könnte es selbst einmal versuchen. Die Kleider waren einfach zu organisieren. Und die vier Familien, die ich in meinem Plan einweihte, wollten zu meiner Überraschung alle dabei sein. Offensichtlich handelt es sich hier um eine Marktlücke.
Ich begann, zu Hause vor dem Spiegel Samichlous zu üben. Lauthals Lachen und den Bauch dazu zu halten gelang überzeugend. So beschloss ich, einen besonders lustigen Samichlaus abzugeben. Als dann eine Kollegin bereit war, den Samichlaus zu spielen, gab ich die Rolle gerne ab. Eigentlich kann es heute Abend nur noch gut gehen, denke ich.
Doch bevor der Samichlaus kommt, male ich nochmals lange an einem angefangenen Bild. Manchmal gibt es Bilder, die weigern sich standhaft, Form anzunehmen. Am Schluss drücke ich in einer gewissen Ratlosigkeit den Pinsel oben am Bild mehrmals aus und beobachtete die Farbtropfen, die über das Bild laufen. Das Relultat gefällt mir. Wenn das keine Kunst ist!
07. Dez. 2021
Das war eine Party! Die Babys mitgerechnet waren wir 24 Leute. Und der Samichlaus kam mit einer leuchtenden Laterne, alle sahen ihn von weitem und auch, wie er den Sack hinter dem Haus aus dem Einkaufwagen fischte. Die Kinder liessen sich dennoch breitwillig täuschen. Die Frage wer es war, kam gar nicht auf, er war der Samichlaus, klar!
Später sassen wir zusammen, eine gesellige Runde und verspeisen die Grittibänzä (was sich für mich jedes Mal leicht kannibalisch anfühlt).
In der Nacht ging es mir wie schon oft, ich sortiere anscheinend lieber die Eindrücke als zu schlafen.
8. 12. 2021
Ach ist das schön, diese Stille. Rouven schläft einmal mehr unter dem Tisch. Schon seit fast drei Stunden. Und ich gestalte friedlich, diesmal an einem Goldbild. Ich sollte ihn wecken. Draussen schneit es, cm um cm. Bevor wir in den Schnee gehen will ich noch das Göttigeschenk mit ihm basteln. Dieses Jahr mache ich es mir erdenklich einfach: Ein Salatbesteck, das die Kinder mit bunten Farbtupfen verzieren. Rouven brauchte keine zehn Minuten dazu. Bald wird die Bude wieder voll sein. Ich weiss, dass meine Kinder da unten mit ihren Kollegen Schneerutschen und hier ihr z Vieri essen wollen. Ich mache mich gefasst auf nasse Kleiderberge.
13. 12.
Heute bin ich früh hier. So früh, dass ich bei Dunkelheit bis auf den Güggel gehen kann und es erst, als ich zurück bin, hell wird. Unterwegs habe ich wunderschöne Bilder geschossen. Die Kinder waren krank übers Wochenende und ich bin die ganze Zeit mit ihnen rumgelegen. Es geht ihnen immer noch nicht besser und ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich hier meinen Interessen nachgehe, während Jürg zu Hause schaut.
Am Wochenende habe ich ein Buch über Tina Turner gelesen. Ihr spiritueller Weg. Sie hat durch chanten, das ist stundenlanges Singen von spirituellen Texten, zu sich gefunden. Ich mache es ihr nach und singe laut und lange. Tatsächlich breitet sich eine Ruhe in mir aus.
Die Zeit hier in der Hütte wird anders als ich dachte. Stille und Kontemplation ist ein viel grösserer Anteil als ich mir dachte, die Besucher kommen zwar ständig, aber doch weniger, als ich zuerst annehm. Dafür habe ich viel Zeit zum Gestalten.